„Viel mehr als nur ein Ort zum Arbeiten“

Ein Interview mit den Macherinnen des Social Coworking Space „AnknüpfBar“ im D12

Im Dekanatshaus D12 in Böblingen gibt es seit April 2025 einen sozialen Coworking Space. Und dieses innovative Projekt mit Namen „AnknüpfBar“ hat es in kurzer Zeit aufs Podium der Jahrestagung der Academy of Management in Kopenhagen geschafft. Wir sprachen mit dem Coworking-Team – Annegret Hiekisch (Dekanatsreferentin, Profilstelle „Kirche im Sozialraum“ und Projektleiterin „AnknüpfBar“), Antonia Schneider (Community Managerin „AnknüpfBar“ und Bildungsreferentin der keb Böblingen) und Prof. Dr. Ute Reuter (Leiterin und Geschäftsführerin der keb Böblingen und verantwortlich für „Bildung und Beratung“ im Coworking Space) – über das bisher Erreichte, die nähere Zukunft und natürlich über Kopenhagen.

 

Was ist das Besondere am Coworking Space „AnknüpfBar“ in Böblingen?

Annegret Hiekisch: Vor zwei Jahren sind wir als Dekanatsfachdienste in das Gebäude einer ehemaligen Sparkassenfiliale eingezogen, zentrumsnah in bester Lage in Böblingen. In diesen Räumlichkeiten gab es nicht nur Büros, sondern auch die frühere Schalterhalle, die mit 85 Quadratmeter letztlich viel zu groß war für das, was wir mit unseren personellen Ressourcen selbst bespielen können. So entstand die Idee, diese Fläche zu einem Coworking Space umzugestalten, damit möglichst viele Menschen diesen Raum mitnutzen können. Was als Vision begann, ist nun – auch dank der Unterstützung durch diverse Stiftungen und Förderer – seit April 2025 Realität: Wir haben in unserem Dekanatshaus einen attraktiven multifunktionalen Raum geschaffen, der für gemeinsames Arbeiten, verschiedenste Begegnungsformate, Gremiensitzungen, Bildungsveranstaltungen, kulturelle, musikalische und spirituelle Angebote und vieles mehr genutzt werden kann. Dazu gibt es insgesamt acht gut ausgestattete Coworking-Arbeitsplätze, in die man sich einbuchen kann. Und das alles kostenfrei beziehungsweise rein auf Spenden- und Beteiligungsbasis. Letztlich ist es ein ganz einfaches Konzept: Wir teilen das, was wir an Raum und Ressourcen zur Verfügung haben, mit den Menschen im Sozialraum.

Antonia Schneider:  Für mich sind es drei Aspekte, die die „AnknüpfBar“ besonders machen – die Vielfältigkeit, die Atmosphäre und die Menschen. Unser Coworking Space – und besonders die große Lounge – ist durch die modulare Einrichtung multifunktional nutzbar. Hier ist ganz vieles an Formaten möglich, und unsere Ausstattung – inklusive moderner technischer Veranstaltungslogistik – verschafft viele kreative Optionen. Durch diese Ausstattung, aber auch durch den großen und hellen Eingangsbereich, habe ich mich vom ersten Moment an, als ich den Raum betreten hatte, wohlgefühlt. Und seither komme ich jeden Tag gerne in unsere „AnknüpfBar“ und freue mich, dass auch viele andere Menschen diese freundliche und offene Atmosphäre so positiv wahrnehmen und schätzen. Aber es sind nicht nur die großen Fenster, die den Raum so hell machen, sondern ganz besonders die Menschen, die ihn mit Leben füllen. Hier wird jede und jeder mit offenen Armen und einem Lächeln begrüßt und Gastfreundschaft wird besonders großgeschrieben.

Ute Reuter: Das Besondere an der „AnknüpfBar“ ist, dass sie viel mehr ist als nur ein Ort zum Arbeiten – sie ist ein lebendiger Treffpunkt für Menschen, die Gemeinschaft, Inspiration und Austausch suchen. Als Social Coworking Space mitten in Böblingen verbindet sie produktives Arbeiten mit persönlichem Miteinander und gesellschaftlichem Engagement.Ein zentraler Bestandteil, der mir besonders am Herzen liegt, ist das begleitende Bildungs- und Beratungsangebot der keb Böblingen. Hier entstehen nicht nur zufällige Gespräche an der Kaffeemaschine, sondern auch gezielte Impulse zu Themen, die uns alle bewegen: Ob Workshops zu gesellschaftlichen Fragen, Impulse zu nachhaltigem Leben oder niedrigschwellige Gesprächsformate. Die „AnknüpfBar“ schafft Raum für persönliches Wachstum und gemeinsames Lernen.Besonders wichtig ist mir, dass der Zugang offen und inklusiv gestaltet ist. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Lebenssituationen finden hier einen Ort, an dem sie arbeiten, sich weiterbilden, miteinander in Verbindung treten oder auch einfach nur sein können. Die Kombination aus Coworking, Bildungsarbeit und gelebter Solidarität macht die „AnknüpfBar“ zu einem echten Herzensprojekt – und zu einem ganz besonderen Ort in Böblingen.

 

Wie waren die Erfahrungen mit dem Coworking Space in den ersten drei Monaten?

Annegret Hiekisch: Seit unserer feierlichen Eröffnung mit Weihbischof Matthäus Karrer Ende März ist unglaublich viel passiert. Ehrlich gesagt hätte ich nicht zu träumen gewagt, wie positiv die Resonanz auf dieses Angebot sein würde. Sowohl Schüler und Schülerinnen als auch junge Erwachsene in der Berufsfindungsphase bis hin zu gestandenen Vertretern aus der Kommune und freien Wirtschaft kommen zu uns herein und sagen: „Was für ein schöner Raum! Was für ein tolles Angebot!“ Das berührt mich sehr. Es ist eine neue Dynamik hier, von der auch die Mitarbeitenden im Haus angesteckt werden. Wir erleben uns in der Rolle der Gastgeber und ermöglichen Begegnung in den unterschiedlichsten Facetten. In unserem Raum berühren sich ganz unterschiedliche Menschen und gesellschaftliche Gruppen, die davor nichts miteinander zu tun hatten. Und auch wir lernen ganz neue Zugänge und Welten kennen, mit denen es bis jetzt für uns als kirchliche Akteure nicht viele Berührungspunkte gab.

Antonia Schneider: Die ersten drei Monate sind wie im Flug vergangen. In diversen Netzwerktreffen mit vielfältigen Kooperationspartnern und Interessierten wurden schon viele Ideen gesponnen, wie wir die „AnknüpfBar“ weiter mit Leben füllen können. Noch viel mehr berührt mich aber der Kontakt zu den verschiedensten Coworkerinnen und Coworkern, die uns offen begegnen und aus ihrem Leben erzählen. Diese teilweise auch ganz persönlichen Hintergründe bestärken mich darin, dass wir mit unserem Konzept von einem Coworking Space, der viel mehr bietet als nur guten Kaffee und stabiles Internet, auf dem richtigen Weg sind. Wir erreichen Menschen an unterschiedlichen Stellen in ihrem Leben, und wir schaffen es, für verschiedene Bedarfe eine Anknüpfstelle zu sein – wenn zum Beispiel Raum für Ruhe und Konzentration gebraucht wird, wenn man den Kontakt zu anderen Menschen im Homeoffice vermisst oder wenn es hilft, sich durch den Tapetenwechsel neu zu strukturieren.

 

Frau Reuter, Sie werden die „AnknüpfBar“ am 29. Juli 2025 bei der Jahrestagung der Academy of Management in Kopenhagen repräsentieren. Wie fühlt sich das an?

Ute Reuter:  Ich freue mich sehr, dass ich die „AnknüpfBar“ bei der diesjährigen Jahrestagung der Academy of Management (AoM) in Kopenhagen vorstellen darf. Das Thema Coworking wird in den Wirtschaftswissenschaften umfangreich beforscht. Unser Social Coworking Space steht dabei als innovatives Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement und Bildung im urbanen Raum stellvertretend für alle Coworking Spaces mit sozialer Komponente. Was ist damit gemeint? Die „AnknüpfBar“ verbindet produktives Arbeiten mit sozialer Teilhabe, niederschwelliger Bildung und gemeinschaftlichem Dialog – genau diese Schnittstellen sind auch für die internationale Forschung und Praxis zunehmend interessant. Dass wir als keb Böblingen nun Teil dieser Debatte sein dürfen, zeigt, dass unsere Arbeit nicht nur lokal wirkt, sondern auch überregional wahrgenommen wird.Für mich persönlich ist es eine wunderbare Gelegenheit, zu zeigen, wie Kirche heute neue Räume schafft und wie offen, vernetzt und mitten im Leben der Menschen Kirche sein kann.Die AoM ist eine der bedeutendsten Tagungen in den Wirtschaftswissenschaften. Mehr als 14.000 Menschen aus allen Kontinenten der Erde kommen in Kopenhagen zusammen. Es ist für mich eine große Ehre, an dieser Tagung teilnehmen zu dürfen.

 

In welcher Form stellen Sie das Projekt in Kopenhagen vor?

Ute Reuter: Ich stelle die „AnknüpfBar“ im Rahmen eines internationalen Panels vor, das sich mit sozialen Innovationsräumen und neuen Formen des Lernens beschäftigt. Dabei geht es nicht nur um theoretische Konzepte, sondern vor allem um konkrete Praxisbeispiele – wie unser Social Coworking Space in Böblingen. Gemeinsam mit mir im Panel werden renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt vertreten sein, die allesamt die Forschung zum Thema Coworking eint. Sven M. Laudien und Ricarda B. Bouncken (beide Universität Bayreuth), Anu Helena Suominen (Universität Tampere), Anahita Baregheh (Nipissing Universität), Katja-Maria Prexl (Oslo Metropolitan University) und ich verkörpern dieses Panel. In meinem Beitrag beleuchte ich, wie die „AnknüpfBar“ als Bildungs- und Begegnungsort funktioniert, welche Zielgruppen wir ansprechen und welche Wirkung das Zusammenspiel von Coworking, Beratung und gemeinwohlorientierter Bildung entfalten kann. Besonders interessant ist daran auch, wie Kirche hier neue Wege geht – weg von klassischen Formaten hin zu offenen, lebensnahen Angeboten. Neben der Präsentation gibt es Raum für Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt – ein spannender Dialog, von dem wir sicher auch Anregungen für unsere weitere Arbeit in Böblingen mitnehmen können.

 

Inwieweit ist die Konzeption der „AnknüpfBar“ von Bedeutung über den Standort Böblingen hinaus?

Ute Reuter: Die „AnknüpfBar“ hat weit über Böblingen hinaus Modellcharakter – nicht nur inhaltlich, sondern auch räumlich. Denn sie ist Teil eines außergewöhnlichen Konzepts: Der Coworking Space befindet sich im selben Gebäude wie die Geschäftsstellen des Katholischen Dekanats und der keb Böblingen. Das ist keine Zweckgemeinschaft, sondern ein bewusst gestaltetes Miteinander. Während in einigen Räumen der Arbeitsalltag kirchlicher Verwaltung und Bildungsarbeit weiterläuft, entsteht direkt nebenan ein offener Raum für gemeinsames Arbeiten, Beratung, Dialog und Teilhabe.Diese friedliche Koexistenz von klassischer Struktur und innovativem Experimentierraum ist ein starkes Signal: Kirche traut sich, Neues zuzulassen ohne dabei Altes zu verdrängen. Genau das macht die „AnknüpfBar“ so besonders und für andere Kontexte spannend: Sie zeigt, wie bestehende kirchliche Infrastruktur kreativ umgenutzt und für neue gesellschaftliche Aufgaben geöffnet werden kann.Damit ist die „AnknüpfBar“ nicht nur ein Ort des Arbeitens, sondern auch ein Symbol für Wandel, Offenheit und das Miteinander unterschiedlicher Lebens- und Arbeitswelten – ein Modell, das sich gut übertragen lässt, wenn man bereit ist, Räume neu zu denken.

Annegret Hiekisch: Für mich als Initiatorin und Projektleiterin ist es wichtig, die theologisch-kirchliche Ausrichtung dieses Projekts zu umschreiben und immer wieder auch zu schärfen. Es ist ein pastorales Projekt im Rahmen meiner Profilstelle „Kirche im Sozialraum“ und der Hintergrund ist, mit unserem Tun neue Wege zu erproben, wie Kirche von den Menschen einer Stadt und Regional aktuell und auch in Zukunft als relevant wahrgenommen werden kann. Mit unserem Konzept eines kirchlich-sozialen Coworking Spaces, bei dem wir schlicht unsere eigenen Büroräumlichkeiten, Infrastruktur und Ressourcen mit anderen teilen, sind wir deutschlandweit – zumal im katholischen Bereich – noch ziemlich einzigartig. Das wurde auch vom Bonifatiuswerk als einem unserer großen Projektförderer so gesehen und unsere Bedeutung als Pilotprojekt unterstrichen.

 

Was versprechen Sie sich für den Böblinger Coworking Space, wenn Sie diesen bei einer internationalen Tagung zum Thema Management und Organisation vorstellen?

Ute Reuter: Ich verspreche mir vor allem neue Impulse und Perspektiven für die Weiterentwicklung der „AnknüpfBar“. Die internationale Tagung bringt Expertinnen und Experten, Praktiker und Forschende aus der ganzen Welt zusammen – Menschen, die sich mit Themen wie Organisationsentwicklung, Innovation und Community Building beschäftigen. Genau davon kann auch unser Böblinger Social Coworking Space profitieren.Zum einen erhoffe ich mir Feedback und Inspiration: Welche Ideen oder Ansätze aus anderen Ländern könnten unser Konzept bereichern? Wo sehen andere das besondere Potenzial der „AnknüpfBar“? Zum anderen möchte ich die Sichtbarkeit unseres Projekts stärken. Wenn wir zeigen können, wie ein kleiner Ort wie Böblingen ein so innovatives Modell realisiert, kann das auch Türen für Kooperationen oder Fördermöglichkeiten öffnen.Letztlich ist es mir wichtig, zu vermitteln, dass ein Coworking Space nicht nur wirtschaftlich gedacht werden darf, sondern auch einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen kann – als Ort für Bildung, Beratung und Miteinander. Diese Botschaft auf internationaler Bühne zu teilen, ist eine große Chance.

Welche Rolle spielen Coworking Spaces allgemein in der heutigen Arbeitswelt, und wie verändern diese die Gesellschaft?

Antonia Schneider: Unsere Gesellschaft und besonders auch unsere Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren enorm verändert. Viele Menschen arbeiten viel oder sogar ausschließlich im Homeoffice, was verschiedene Auswirkungen haben kann. Vor allem bei jungen Menschen hat auch dadurch das Gefühl von Einsamkeit stark zugenommen, weil die Begegnung zu realen Menschen kaum mehr gegeben ist. Andere haben zuhause vielleicht gar nicht die Möglichkeit, konzentriert zu arbeiten oder zu lernen, sei es durch beengte Wohnsituationen, viele Personen in einem Haushalt oder schlechter Infrastruktur. Coworking Spaces können für all diese Probleme Abhilfe schaffen und Menschen wieder zusammenführen.

Annegret Hiekisch: In unserem Coworking Space legen wir den Fokus auf junge Erwachsene, nicht zuletzt weil vor allem junge Menschen die Sozialform solcher Spaces kennen und schätzen. Aber mehr noch nehme ich wahr, dass die Fragestellungen und Herausforderungen für die junge Generation sehr komplex geworden sind und sie es in vielem nicht leicht haben. Umso mehr sollten wir sie positiv bestärken und ermutigen und ihnen mit dem, was wir anbieten können, zur Seite stehen. Und das alles nicht gönnerhaft und von oben herab – denn wir alle können in einem offenen Dialog wechselseitig voneinander lernen. 

 

Warum sollten auch kirchliche Organisationen Coworking Spaces betreiben?

Annegret Hiekisch: Weil wir einen Auftrag haben, für alle Menschen da zu sein! Und weil Kirche die Zeichen der Zeit erkennen und auf heutige Fragestellungen auch heutige Antworten finden muss. Das Thema Einsamkeit bei jungen Menschen ist ein sehr drängendes und aktuelles Problem, das leider immer noch zu wenig wahrgenommen wird. Wenn wir da mit unserem freundlich-offenen Coworking Space eine Anknüpf- und Vernetzungsmöglichkeit bieten und zu neuer Orientierung, Lebensmut und Perspektive beitragen können, dann hat sich all die Mühe der Konzeption und Einrichtung solch eines doch auch großen Projekts gelohnt.

 

Heute Böblingen, morgen Kopenhagen – wie sieht die Zukunft der „AnknüpfBar“ aus? Was ist als Nächstes geplant?

Antonia Schneider: Es gibt sehr viele Ideen und wir erleben eine große Offenheit bei allen Menschen und Vernetzungspartnern, mit denen wir bereits im Kontakt sind. Sowohl bei kommunalen Vertretern als auch Akteuren aus der Businesswelt werden wir bereits mit unseren besonderen Potentialen wahrgenommen und eingeladen, uns in große Formate einzuklinken. So werden wir diesen Oktober nicht nur bei der großen Auftaktveranstaltung der Böblinger Businesswochen präsent sein, sondern auch ein konkretes Angebot beisteuern: „Somewhere in between“, ein Workshop gezielt für junge Erwachsene im „irgendwo dazwischen“ zwischen Aufbruch und Unsicherheit in Übergangsphasen. Generell wird das Thema des Übergangs und auch die Unterstützung bei Fragen der Berufsorientierung ein Schwerpunkt für den Herbst sein. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Ideen, die wir über den Sommer weiter konkretisieren wollen. Wer nichts verpassen will, schaut am Besten auf unsere Homepage (www.anknuepfbar-coworking.de) vorbei oder folgt uns auf Instagram (anknuepfbar_coworking) – oder kommt gerne direkt bei uns vorbei in der „AnknüpfBar“ in Böblingen.

 

Foto: Volker Schmid